DLT im traditionellen Finanzwesen: Wo Europa heute steht
Elise Devaux
Marketing Manager, TanganyAnfang des Jahres waren wir beim Network Forum in Paris, einem Treffen der Finanzbranche, bei dem sich Akteure aus Verwahrung, Abwicklung und Post-Trade austauschen. Besonders interessant war für uns, dass in diesem Jahr auch digitale Vermögenswerte und Anwendungsfälle der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) auf der Agenda standen.
Laut einer Umfrage der Veranstalter hatte mehr als die Hälfte der 120 teilnehmenden Unternehmen ein DLT-Projekt bereits live oder in der Proof-of-Concept-Phase (PoC). Zugleich nannten 69 % von ihnen die fehlende Kundennachfrage als größtes Hindernis, diese Projekte weiterzuentwickeln.
Zur Erinnerung: DLT ist eine gemeinsam genutzte, oft dezentrale Datenbankinfrastruktur. Institutionen erfassen und bestätigen eine Transaktion darin gleichzeitig in einem gemeinsamen Register (Ledger), statt sie jeweils separat zu verbuchen und hinterher abzugleichen. Die bekannteste Form dieser Technologie ist die Blockchain.
Viele Unternehmen aus dem Bereich digitale Vermögenswerte gehen davon aus, dass DLT-basierte Anwendungen im traditionellen Finanzwesen (TradFi) kurz vor dem Durchbruch stehen. In Branchenberichten ist häufig zu lesen, dass immer mehr Projekte den Sprung vom Pilot- in den Regelbetrieb schaffen und sich Banken, Broker, Verwahrer und Betreiber von Post-Trade-Infrastruktur einen Wettlauf um die neuen Marktchancen liefern. Diese Überzeugung teilen wir bei Tangany, allerdings mit einer Einschränkung: DLT-basierte Infrastruktur kann durchaus einen wichtigen Platz im Finanzsektor einnehmen. Der Wandel kommt aber schrittweise, und damit er gelingt, müssen sich die regulatorischen und technischen Rahmenbedingungen noch weiterentwickeln.
Im Folgenden zeigen wir, wo DLT im Finanzwesen heute steht und wie wir die Marktentwicklung einschätzen.
DLT-basierte Anwendungsfälle im traditionellen Finanzwesen
Zunächst geht es um DLT-basierte Anwendungsfälle: welchen Nutzen sie traditionellen Marktteilnehmern bringen und welche Projekte schon live sind. Am Markt sehen wir typischerweise vier Kategorien:
Handel mit Krypto-Assets
Tokenisierung realer Vermögenswerte (Real-World Assets, RWA)
Finanzmarktinfrastruktur
Zahlungsverkehr und Abwicklung (mit Stablecoins)
Handel mit Krypto-Assets
In der ersten Kategorie bieten Banken und Broker ihren Kunden direkten Kryptohandel an, als neue Produktlinie oder als Ergänzung zum bestehenden Brokerage-Angebot. Dabei geht es vor allem um Umsatz: Traditionelle Anbieter wollen sich einen Teil eines Marktes sichern, den es bereits gibt. Mit Transaktionsgebühren erschließen sie neue Einnahmen und stärken zugleich die Kundenbindung, denn viele Nutzer handeln Krypto-Assets bisher bei anderen Anbietern. Auch im Private Wealth Management tut sich etwas: Banken öffnen vermögenden Privatkunden den Zugang zu Krypto-Assets. So hat UBS Anfang des Jahres den Handel mit Bitcoin und Ethereum für Private-Banking-Kunden in der Schweiz eingeführt.
Das Marktpotenzial ist groß: Paybis schätzt die Zahl der Krypto-Nutzer in Europa 2026 auf rund 100 Millionen. Mehrere europäische Finanzinstitute steigen deshalb in den Kryptohandel ein und ergänzen damit ihr Brokerage- oder Bankangebot für Privatkunden, darunter BBVA in Spanien, KBC in Belgien und Digitalbanken wie Revolut und N26. Auch die Sparkassen und die Genossenschaftsbanken unter Führung der DZ Bank, die beiden größten deutschen Bankengruppen im Privatkundengeschäft, peilen den Start für Sommer 2026 an.
Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei krypto-nativen Börsen: Anbieter wie Bitpanda und Coinbase haben inzwischen auch Finanzprodukte aus dem traditionellen Finanzwesen im Angebot, etwa Aktien und ETFs.
Tokenisierung von Vermögenswerten
Kein Anwendungsfall stößt bei Institutionen derzeit auf so viel Interesse wie die Tokenisierung. Werden traditionelle Finanzinstrumente wie Anleihen, Fonds, Aktien oder Immobilien als digitale Token in einem DLT-Netzwerk abgebildet, versprechen sich Unternehmen davon eine schnellere Abwicklung, Bruchteilseigentum, automatisierte Compliance und einen breiteren Zugang für Investoren.
In Deutschland ist das bereits Praxis: Das eWpG von 2021 hat das „Kryptowertpapier“ eingeführt, ein vollständig digitales On-Chain-Instrument, das als eigenständiges Wertpapier gilt. Auf dieser Grundlage haben Unternehmen bereits Token begeben, zuletzt etwa COMETUM Capital. Der Investmentmanager für Private Markets hat ein elektronisches Wertpapier über 4 Millionen Euro emittiert, über das Investoren an SpaceX-Aktien vor dem Börsengang (Pre-IPO) partizipieren können.
Europaweit haben Emittenten seit 2021 laut EZB/AFME knapp 4 Milliarden Euro in DLT-basierten festverzinslichen Wertpapieren platziert, unter anderem die Europäische Investitionsbank und die französische Caisse des Dépôts. Die KfW, einer der größten Anleiheemittenten Europas, kündigte im Juni 2026 ihre dritte DLT-basierte Anleihe an. Sie ist gezielt als Belastungstest für die Infrastruktur angelegt.
Finanzmarktinfrastruktur
Ein weiterer Anwendungsfall ist der Neuaufbau der Finanzmarktinfrastruktur, also von Clearing, Abwicklung, Verwahrung und Sicherheitenmanagement, auf Basis von Distributed Ledgers. Damit lassen sich Geschäfte in Echtzeit abwickeln, Kontrahentenrisiken senken und Betriebskosten reduzieren.
In Europa ist diese Infrastruktur noch im Aufbau. Mit der Pontes-Initiative der EZB, die im dritten Quartal 2026 starten soll, wird es erstmals möglich, tokenisierte Transaktionen in Zentralbankgeld abzuwickeln. Unter dem DLT-Pilotregime der EU sind derzeit sechs DLT-basierte Handels- und Abwicklungsinfrastrukturen zugelassen, verteilt auf Tschechien, Deutschland, Litauen, Frankreich und Spanien. Drei davon kamen allein im zweiten Halbjahr 2025 hinzu.
Zahlungsverkehr und Abwicklung
Schließlich gewinnen DLT-basierte Zahlungs- und Abwicklungslösungen an Fahrt. Unternehmen nutzen dafür fiatgedeckte digitale Token wie tokenisierte Einlagen oder Stablecoins, um Geld rund um die Uhr über Landesgrenzen hinweg und zwischen Instituten zu transferieren, ohne den Umweg über Korrespondenzbanken. Das ermöglicht eine sofortige Abwicklung, reduziert die Vorfinanzierung (Pre-Funding) und senkt die Kosten grenzüberschreitender Zahlungen.
Auch hier nimmt die Infrastruktur in Europa Gestalt an. Ein Konsortium, das zwischen Februar und Mai 2026 von 12 auf 37 europäische Banken gewachsen ist, will im zweiten Halbjahr 2026 Qivalis an den Start bringen, einen Euro-Stablecoin nach den Vorgaben von MiCA (Markets in Crypto-Assets Regulation). Die Deutsche Bank hat bereits eine grenzüberschreitende, in Euro denominierte Abwicklung über Partior live vorgeführt.
Treiber und Herausforderungen
Mehrere Entwicklungen kommen derzeit zusammen und machen den Einsatz von DLT für Institutionen realistischer als noch vor zwei oder drei Jahren. Am wichtigsten sind dabei zwei: das regulatorische Fundament und planbarere Kosten. Zwischen einem Live-Projekt und einem Angebot für Kunden stehen allerdings noch drei Hürden.
Einheitliche Regulierung, planbare Kosten und reife Infrastruktur
Das regulatorische Fundament in Europa steht inzwischen weitgehend: MiCA ist in Kraft, das DLT-Pilotregime läuft, und EZB, Bank of England sowie EU-Kommission haben signalisiert, dass sie langfristig auf DLT-basierte Finanzmarktinfrastruktur setzen. Regulatorische Unsicherheit, lange der wichtigste Einwand von Institutionen, hat deutlich abgenommen. Auf dem Network Forum sahen nur 7 % der Befragten in der Regulatorik das größte verbleibende Hindernis für den DLT-Einsatz. Einen Rechtsrahmen gibt es also. Ob er auch für einen kommerziellen Betrieb in großem Maßstab taugt, ist eine andere Frage, auf die wir weiter unten eingehen.
Auch die Kosten sind besser planbar geworden. Laut dem Bericht „Approaching the Tokenization Tipping Point“ von BCG und Ripple ist der Einstieg mit einem einzelnen Anwendungsfall für unter 2 Millionen US-Dollar möglich. Für Institute, die erste Projekte prüfen, verändert das die Rechnung, ob sie jetzt starten oder abwarten.
Auch bei der Infrastruktur ist der Markt über die Pilotphase hinaus. JPMorgans Plattform Kinexys hat seit ihrem Start tokenisierte Transaktionen im Wert von über 1,5 Billionen US-Dollar abgewickelt, bei täglichen Volumina von mehr als 2 Milliarden US-Dollar. DLT-basierte Abwicklung läuft also inzwischen in echtem institutionellem Maßstab und nicht mehr nur in der Sandbox. Als einen Treiber, der diesen Wandel beschleunigt, nennt der Bericht Fintech-Übernahmen, bei denen Banken und große Finanzhäuser Plattformen und Start-ups gleich ganz kaufen. Hinzu kommt laut Bericht eine breitere Abkehr von privaten hin zu öffentlichen, zugangsbeschränkten Blockchains (Permissioned Public Blockchains), etwa bei Société Générale und Citi.
Was die Einführung noch bremst
Einige Faktoren stehen dem Einsatz von DLT in Institutionen aber weiterhin im Weg, darunter Lücken bei der Lizenzierung, die Ausgestaltung der Regulierung sowie Markt- und Liquiditätsfragen.
Erstens klafft eine Lücke zwischen Lizenzen und tatsächlicher Marktpräsenz. Von 324 Krypto-Dienstleistern (CASP), die bis Anfang August 2026 unter MiCA zugelassen wurden, sind nur 47 traditionelle Finanzinstitute, 28 davon aus Deutschland, also rund 80 %. Frankreich hat drei bankennahe CASP zugelassen: die eigene Krypto-Tochter der Société Générale, die Privatbank Banque Delubac und die staatliche Investitionsbank Bpifrance. In den meisten EU-Mitgliedstaaten gibt es bislang überhaupt keinen CASP aus dem traditionellen Finanzsektor.
Auch bei digitalen Wertpapieren ist die Regulierung nicht vollständig vereinheitlicht. Der deutsche Rechtsrahmen für Kryptowertpapiere fällt gar nicht unter MiCA, weil Kryptowertpapiere unter MiFID II fallen und nicht als Kryptowerte gelten. Andere EU-Staaten arbeiten zwar an vergleichbaren Regelungen, diese sind aber nicht aufeinander abgestimmt. Das verstärkt die Fragmentierung zusätzlich.
Zweitens bremst die Ausgestaltung der Regulierung. Das DLT-Pilotregime sollte einen geschützten Rahmen (Sandbox) für institutionelle DLT-Marktinfrastrukturen schaffen. Es deckelt das gesamte Marktvolumen jedoch bei 6 Milliarden Euro und setzt Obergrenzen je Instrument, mit denen sich ein Betrieb in kommerziellem Maßstab wirtschaftlich nicht trägt.
Im April 2026 forderten 39 europäische Finanzinstitute und Branchenverbände, darunter Nasdaq, Boerse Stuttgart, Danske Bank und Union Investment, in einem gemeinsamen Brief von Brüssel ein eigenständiges Gesetz im Eilverfahren. Sie verlangen, die Volumengrenze auf 100 bis 150 Milliarden Euro anzuheben, die Obergrenzen je Instrument zu streichen, das Regime für alle Anlageklassen zu öffnen und die Lizenzen zu entfristen. Eine Antwort aus Brüssel stand beim Schreiben dieses Beitrags noch aus.
Drittens fehlt es an Liquidität am Sekundärmarkt. In einem Papier vom April 2026 zum digitalen Kapitalmarkt in Europa stellt die EZB fest, dass DLT-basierte Wertpapiere trotz steigender Emissionen kaum gehandelt werden. Einfach gesagt: Es werden mehr tokenisierte Anleihen ausgegeben, doch danach handelt sie fast niemand. Auf dem Network Forum nannten 69 % der Befragten nicht Regulierung oder Technologie, sondern fehlende Kundennachfrage als größtes Hindernis für den DLT-Einsatz. Ohne liquiden Sekundärmarkt gibt es keine verlässlichen Preise, keinen Vertrieb auf institutionellem Niveau und am Ende auch keine Kundennachfrage.
Wo der Markt steht und unsere Einschätzung
2025 platzierten europäische Emittenten DLT-basierte festverzinsliche Wertpapiere über 893 Millionen Euro, nach 1,7 Milliarden Euro im Vorjahr. Der Rückgang geht vor allem darauf zurück, dass die von der EZB initiierten Testläufe ausliefen. Asien emittierte im selben Zeitraum 3,8 Milliarden Euro und kam damit auf 78 % aller DLT-Emissionen weltweit.
Viele Institute haben zwar ein DLT-Projekt live oder in der PoC-Phase, doch zwischen der Bereitschaft der Institute und einem Angebot für Kunden klafft weiterhin eine Lücke. Dabei verläuft die Entwicklung im traditionellen Finanzwesen nicht einheitlich: Kryptohandel, Tokenisierung, Marktinfrastruktur und Zahlungsverkehr kämpfen jeweils mit eigenen Hindernissen, ob im Vertrieb, bei der Liquidität oder bei den Netzwerkeffekten. Regulierung kann Hürden abbauen, Liquidität und Netzwerkeffekte aber nicht erzwingen. Die muss der Markt selbst hervorbringen.
Ein Grund zum Abwarten ist das allerdings nicht. Die EU hat das Thema ausdrücklich zur politischen Priorität gemacht, die Tokenisierung ist Teil der Agenda für die Spar- und Investitionsunion, und die EZB baut eigens die passende Abwicklungsinfrastruktur auf. Jedes Institut muss heute entscheiden, wie es die nötige Produktinfrastruktur und Compliance-Kompetenz aufbaut, um im Wettbewerb um Kunden mitzuhalten.
Genau hier setzen unsere White-Label-Partnerschaften bei Tangany an. Denn wer Lizenzen, Verwahrung und technische Infrastruktur von Grund auf selbst aufbaut, wählt selten den effizientesten Weg, um herauszufinden, wo die eigentlichen Chancen liegen. Schon die Verwahrung allein kann im eigenen Haus unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit binden. Mit einer White-Label-Partnerschaft erhält ein Institut Expertise, Infrastruktur und regulatorische Grundlagen, die bereits stehen. So kann es sich auf die Fragen konzentrieren, wo es antreten will und wie es den Markt mitgestalten kann.
→ Download our white-label guide
Sources
ECB speech by Piero Cipollone, "Building the rails for Europe's tokenised financial markets," 23 March 2026. Online
AFME, "DLT-Based Capital Market Report" 2025 FY. Online
ECB Macroprudential Bulletin, April 2026. Online
Yahoo Finance / CCN, "Full List of European Banks Opening Crypto Trading to Retail Clients". Online
NYALA, eWpG guide. Online
ESMA, register of Authorised DLT Market Infrastructures under the DLT Pilot Regime . Online
Ledger Insights, on the April 2026 coalition letter to Brussels on DLT Pilot Regime reform. Online
BCG/Ripple, "Approaching the Tokenization Tipping Point" . Online
ESMA MiCA CASP register (csv file, August 2026)
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